Genügt die Naturwissenschaft zur Erklärung der Welt ?

 

Genealogie naturwissenschaftlichen Denkens


Wenn die Welt lediglich aus Materie bestünde, würde sie dazu taugen. Aber Materie denkt nicht. 

Materielle Gesetzmäßigkeiten sind streng kausal. Unmöglich könnten deshalb aus ihnen  Fragen hervorgehen. Dass wir fragen können, setzt Freiheit von Determiniertheit voraus. 

Wir sind nicht gezwungen, materialistisch zu denken. Wenn wir es dennoch tun, ist das eine Entscheidung. 

 

Kulturgeschichtlich ist eine solche Entscheidung überhaupt erst in der neueren Zeit aktuell geworden. Erst wenige Jahrhunderte vor Christus bahnte sich die Möglichkeit naturwissenschaftlichen Denkens an. Vorher war es dem Menschen unmöglich, materielle Ursachen anzunehmen. Der Prozess der Loslösung aus dem Ganzen, unsere Individualisierung, ist dafür verantwortlich. 

So haben wir eine Wissenschaft geschaffen, die unserer Selbstbehauptung dem Ganzen gegenüber dient. Sie ist nicht objektiv, sondern instrumentell. Ganz deutlich wird das auch im heutigen Wissenschaftsbetrieb. Wissenschaft muss Geld erwirtschaften. Sie muss nutzbringend, technisch verwertbar sein.

 

Unsere Entscheidungen bestimmen unser Schicksal. Was einst noch freie Entscheidung war, wird dann triebhaftes Drängen, immer weiter in der eingeschlagenen Richtung zu gehen. Es wird ein „müssen“. Es ist wie bei einem Lügner, der gezwungen wird, immer weiter zu lügen, damit seine ursprüngliche Lüge nicht offenbar wird. 

 

 

Durch unsere  Selbstbehauptung gegenüber dem Ganzen, die zu unserer Konsolidierung zunächst durchaus notwendig war, entwickelte sich das materielle Denken.

Kant wusste allerdings noch, dass der Urgrund der Welt nicht materiell ist. Aber er sah bereits keine Möglichkeit mehr, Erkenntnisse der nichtsinnlichen Welt zu erlangen.

Er meinte deshalb, dass es Erkenntnisgrenzen gäbe.

 

Aus der Not machte man im Anschluss eine Tugend. Zunächst war man sich noch bewusst, dass sich Wissenschaft auf das Mess- und Wägbare zu beschränken habe. Man wusste also, dass man mit der Naturwissenschaft nur einen Ausschnitt betrachtete. Aber bald wurde naturwissenschaftliches Denken zur Ideologie, indem man leugnete, dass es mehr als das mit naturwissenschaftlichen Methoden Erfassbare gebe. Was nicht naturwissenschaftlich verifiziert werden könne, sei nicht real. 

Diese Ideologie hat es inzwischen zur Herrschaft in den Köpfen und Gemütern der heutigen Menschen gebracht. Diese macht die Menschen blind für die Wahrheit.

 

Der Soziologe Peter Berger hat recht, dass Ideen "sich in der Geschichte nicht auf Grund ihrer Richtigkeit durchsetzen, sondern auf Grund ihrer Beziehung zu bestimmten gesellschaftlichen Prozessen." 


Jeder Wissenschaftsgläubige sollte sich des Atomphysikers Heisenberg erinnern, der sagte: 

Der philosophische Gehalt einer Wissenschaft wird nur gewahrt, wenn sich die Wissenschaft ihrer Grenzen bewusst ist."  Und "Was wir beobachten, ist nicht die Natur selber, sondern die unserer Befragungsmethode ausgesetzten Natur."

 

"Das Atom zerschlägt unseren Wahn von der Realität des Stoffes: es löst diesen in Schwingungen auf, in schwingende Energie und führt uns hinein in das Reich des Geistes. Da aber der Urgrund allen Geistes das Göttliche ist, so sind wir Gelehrten am Ende und müssen unser Wissen in die Hände der nächsten Instanz geben, in die Hand des Philosophen." Max Planck

 

 

"Das Unheil menschlicher Existenz beginnt, wenn das wissenschaftlich Gewußte für das Sein selbst gehalten wird und wenn alles, was nicht wissenschaftlich messbar ist, als nicht existent gilt. Wissenschaft wird zum Wissenschaftsaberglauben, und dieser stellt im Gewande von Scheinwissenschaft den Haufen von Torheiten hin, in denen weder Wissenschaft noch Philosophie noch Glauben ist."

(Karl Jaspers, "Kleine Schule des philosophischen Denkens")

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